Gestresst als Mama, denn 130 % sind 50 % zu viel

Wir haben gerade einen Umzug hinter uns. Nicht gerade die entspannteste Angelegenheit mit zwei Kleinkindern. Vor allem nicht für mich, wo ich doch weiß, dass unsere zwei Kleinen sehr sensibel und „bedürftig“ sind. Das heißt, sie benötigen eigentlich immer Aufmerksamkeit und achtsamen Umgang.

Wir sind im Umzug alle vier an unsere Grenzen gekommen und haben immer wieder Wege finden müssen, uns zu entspannen. So haben wir z. B. den Umzug in die Länge gezogen und uns zum Schluss sogar ein Umzugstrupp „geleistet“. Von uns hatte keiner mehr Lust eine Couch und noch 15 Kisten in den 3. Stock zu schleppen.

In diesem Beitrag geht es mir aber nicht um solche Ausnahmesituationen, sondern viel mehr um die „normale“ Leistung, die wir Frauen – und auch Männer – in der heutigen Zeit leisten müssen. Vielleicht kennst du das auch, hier ein Beispiel:

Schon morgens sind die Kids schlecht drauf, obwohl ich die Lieblingsschüssel, den richtigen Tee (wie immer) und die Lieblingssocken raus gesucht habe. Ein Anruf noch zwischen Tür und Angel. Schnell noch auf die Toilette, danach schnell die Wäsche zusammen legen. Danach noch schnell saugen, dabei fünfmal die Kids ermahnen nicht zu streiten und dann doch wieder einen von beiden zu trösten. Einkaufen gehen und danach aber wirklich auf den Spielplatz oder ins Freibad. Jetzt aber wirklich Zeit für die Kids haben.

Doch im Freibad angekommen gehe ich gedanklich meine To-Do-Listen weiter durch. Ich bin nicht zu 100 % bei den Kinder, die merken das und fordern Aufmerksamkeit durch Streiten. Abends dann überhaupt keine Geduld mehr und mit der Kraft am Ende. Noch schnell was zum Abendessen machen, Buch vorlesen, Einschlaf-Stillen und der Großen noch einen Tee machen, was zum Glück schon Benny übernimmt.

Von morgens bis abends fast ausschließlich die alleinige Ansprechpartnerin unserer Kinder zu sein, ist super anstrengend für mich. Tausend Gedanken im Kopf zu haben, Termin für alle zu organisieren und nebenbei den Haushalt zu führen, bringt mich an meine Grenzen.

Ich möchte meinen Job richtig gut machen und zu 100 % richtig ausführen, ob das nun die Mama-Rolle ist, Selbstständigkeit oder aber die Hausfrauenrolle. Aber ich habe gemerkt, dass funktioniert nicht. Zumindest nicht auf Dauer.

Das Problem ist eigentlich sehr einfach. Im Coach-Camp haben wir noch einmal ausführlich drüber gesprochen. Denn wenn ich immer schon hochkonzentriert durch den Tag gehe, und mit meiner Leistung bei 100-130 % fahre, bleibt kein Puffer mehr nach oben. Für z. B. Situationen, wo ich nochmal mehr Prozent benötigen würde, um Ruhe zu bewahren. Wie einen Geschwisterstreit mit Weinen, oder aber das umgeworfene Glas Wasser, oder aber die mit Tomatensoße verschmierte Tagesdecke, weil ich zu langsam mit der Kücherolle war. Oder aber das zehnte Mal ermahnen, leiser zu sein, weil jemand schläft. Diese Situationen bringen meine 130 % zum kochen und ich explodiere förmlich. Nicht täglich. Sondern punktuell.

Liebe Nicola Schmidt hat uns im Coach Camp erklärt, dass beinahe jede Mama in der heutigen industrialisierten Welt bei ca. 130 % Leistung ist. Wir sind von Natur aus nicht dafür gemacht, alleine auf unsere Kinder aufzupassen und sie zu von morgens bis abends zu umsorgen. Wir müssen uns und unser Umfeld also so konstruieren, dass wir auf 80 % runter fahren können. Damit noch Luft nach oben ist.

Als Beispiel aus unserem Alltag:

Wir starten entspannt in den Tag, erstmal spielen dann etwas frühstücken. Mina fordert einen Tee in einer Nuckelflasche. Nur leider ist der Nuckel der Falsche. Die richtige Flasche mit dem richtigen Nuckel ist nicht auffindbar. Ich meine ihn zu letzt im Auto gesehen zu haben. Okay, wir müssen natürlich runter ins Auto, weil dieser Nuckel jetzt wichtig ist. Arno kann nicht alleine in der Wohnung bleiben, dass heißt, ich muss ihn erst noch anziehen, er möchte nämlich im Moment lieber nackig bleiben. Er schmeißt also T-Shirt und Hose in die Ecke und weigert sich, sich anzuziehen. Mina weint schon an der Türe, weil sie jetzt endlich los will, zum Auto, ihr Tee wird sonst kalt. Mit Engelszunge versuche ich den nackigen Arno zum Anziehen zu überreden.

Bis hier hin, wie könnte diese Geschichte weiter gehen? Es gibt zwei Möglichkeiten, einmal mit einer Leistungskurve von bereits erreichten 130 % und ein mit 80 %.

Szenario 1:

Ich schnauze Mina an, ich gebe schon mein Bestes und es dauert noch einen Moment. Sie soll doch einfach die andere Flasche nehmen oder eben aus der Tasse trinken. Sie weint dadurch noch mehr und ich sage, dann trinkst du eben gar keinen Tee, wenn du nicht willst. Arno halte ich fest und zwinge ihn, sich  anzuziehen, denn ich bin im körperlich einfach überlegen. Er soll sich jetzt nicht so anstellen und machen, was ich sage. Bevor hier alle durchdrehen. Er wehrt sich natürlich und weint. Nun sitzen wir drei auf dem Boden, die Kids brüllen und weinen und Ich wünsche mir, dass für nur fünf Minuten „RUHE“ ist.

Szenario 2:

Ich habe versucht zu verstehen, warum Arno jetzt in dem Moment überhaupt keine Klamotten anziehen wollte. Habe Mina beruhigt, wir würde sofort gehen, sobald Arno angezogen wäre und würden dann einfach noch einmal einen Tee machen, damit er auch wirklich frisch und heiß ist. In der Zwischenzeit hat mir Arno signalisiert, dass er Pipi machen muss. Hat selbstständig nach dem Töpfchen seinen Klamotten vom Boden aufgehoben, sich prima anziehen lassen und wir konnten nach der Flasche suche. Nur leider war sie tatsächlich nicht im Auto. Wir haben sie einfach nicht gefunden. Mina hat dann von selber einfach die andere Flasche genommen und mir gesagt, es würde ihr nichts machen, wir finden sie halt nicht.

Beide Szenarien sind uns bekannt, weil wir beide schon erlebt haben.

Letztendlich hat zum Glück niemand weinen und brüllen müssen. Das Problem ist dann tatsächlich, dass der restliche Tag anstrengend wird, wenn Szenario 1 geschehen ist. Weil eine grundlegende Unzufriedenheit herrscht.

Was hilft mir also? Ich muss mich konstant auf 80 % Leistung einpendeln, um für die Tücken des Alltags gewappnet zu sein und adäquat auf meine Kinder reagieren zu können. Dann lese ich Erziehungsbücher, damit ich die Entwicklungsschritte und Phasen der Kids wieder besser verstehen kann. Ich tausche mich mit anderen Mamas aus und suche Rat bei meinen Coach-Kolleginnen.

In unserem privaten Leben haben wir das Haus verkauft und wir sind in einen Wohnung gezogen. Der finanzielle Druck ist also weg, die Waschmaschine auf einem Stockwerk und ich kann mit den Öffentlichen überall hin fahren, wo ich möchte.

Ich nehme mir manchmal auch komplette Leistungspausen. Tage, wo wirklich nichts gemacht wird. Weder auf Emails reagiert noch Briefe geöffnet. Einen Tag kein Haushalt, nicht kochen und nur Ausflüge machen. Freunde treffen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Auf einen super tollen Spielplatz gehen, ein neues Freibad testen oder aber mit dem Wohnmobil eine Spritztour machen.

Ich bin für mich verantwortlich. Ich bin verantwortlich, dass ich mich selbst entschleunige. Meine Kinder verlassen sich auf mich. Sie merken, dass ich ein Mensch mit Stimmungsschwankungen und Launen sein kann, aber auch, dass ich sehr entspannt und sanftmütig bin. Wenn ich nicht gerade 130 % Leistung fahre.

Für die Zukunft wünsche ich mir im Idealfall einen Clan, damit die Kinder immer mehrere Ansprechpartner haben. Damit ich nicht alleine verantwortlich bin. Ich wünsche mir Benny mehr zuhause, damit wir zusammen für die Kinder da sein können.

Kennst du das? Geht es dir manchmal ähnlich? Hast du noch Tipps?

Alles Liebe

Jasmin

  1. Was uns hilft ist minimalisieren. Das habt ihr ja auch schon getan, Jasmin. Vom Haus in die Wohnung. Wir haben kaum mehr Möbel, für uns vier gibt es vier Teller, vier Tassen, vier Bettbezüge…usw. Weniger staut sich an, weniger Auf- und Räumarbeiten, weniger Sachen müssen vor Dreck geschützt, gesäubert und geordnet werden. Das befreit auch vom Leistungsdruck!

    Antworten

    1. Hallo Eva, danke für dein Kommentar. Genau so ist es, weniger besitzen und sich dann auch weniger kümmern müssen. Deswegen mag ich das campen auch ?

  2. Liebe Jasmin,
    danke für den tollen Beitrag! Und für die Erinnerung, denn genau das ist gerade Thema bei uns. Ich merke immer wieder, wie ich den Kindern nicht gerecht werde weil ich keine Reserven übrig habe und dann auf Dinge unangemessen reagieren, die vermeidbar gewesen wären. Wie ich nicht die verständnisvolle Mama bin, die ich gerne sein möchte und viel zu oft in Situationen gerate, wofür ich mich bei meinen Kindern entschuldigen möchte.
    Ich bin oft einfach zu spät in´s Bett gegangen oder ich habe zwar den Kindern eine Zwischenmahlzeit gemacht aber nicht mir. Beides vermeidbar. Für die anderen Fälle werde ich mir dein 80%-Ziel zu Herzen nehmen. Wobei ich wohl erstmal Ideen sammeln muss, wie ich unser Leben ohne Hilfe entschleunigen kann.
    Immerhin steht hier seit wenigen Tagen eine Spülmaschiene, die soll mich von mind. 30Min Abwaschen täglich befreien – unser 5-Personen-Haushalt mit oft sogar zwei gekochten Mahlzeiten am Tag und vielen Besuchskindern produziert unglaubliche Mengen dreckiges Geschirr täglich. Das ist zumindest ein Anfang…
    Liebe Grüße,
    Maria von OstSeeRäuberBande

    Antworten

    1. Oh ja Maria, das ist so wahr. Weil du gerade den Geschirrspüler ansprichst, bei uns ist es gerade so, dass dieser 2 Wochen kaputt war. In diesen zwei Wochen habe ich unser bisschen Geschirr gerne mit der Hand abgespült und gemerkt, dass es mich beruhigt, wenn meine Hände im Wasser sind 🙂 Aber ich arbeite auch täglich an den 80%, wobei die die mich kennen, wissen dass ich oft bei 100-110 % fahre. Dir alles alles liebe, und ich hoffe du bist nicht ganz ohne Unterstützung.

    2. Hallo Jasmin,
      habe deine Antwort erst jetzt gesehen.
      Ich hab witziger Weise auch festgestellt, dass mir Abwaschen gut tut. Die Hände im warmen Wasser den Papa mit den Kindern nach oben zum Bettfertig-machen schicken und damit in Ruhe. Aber das hat nicht jeden Tag so geklappt und eigentlich hat sich der Papa gewünscht, dass solche Dinge erledigt sind, wenn er nach Hause kommt. Sein Vorbild dafür ist seine Mama, die war zum Zeitpunkt seiner Erinnerung aber mit 3 größeren Schulkindern Hausfrau – natürlich eine völlig andere Situation aber eben auch ein anderer verinnerlichter Anspruch (hauptsache Haushalt glänzt vs. hauptsache Kinder glücklich), sowas ändert sich nicht so schnell.
      Ich gehöre auch eher zu 100% und darüber, hab einfach immer zuviele Pläne gleichzeitig im Kopf. Aber ich kann ja mal daran arbeiten…
      Und Hilfe ist relativ. Mein Schatz ist natürlich fast immer (außer Dienstreise) ab etwa Abendessenszeit da, aber er kommt mit Arbeit im Kopf nach Hause und kann sich dann nicht in die Kinder oder meine Bedürfnisse hineinversetzen. Das ging in der Elternzeit, im Alltag ist es aber schwierig. Trotzdem bin ich so natürlich nicht ganz alleine mit den 3 wilden Räubern, die restliche Familie ist nämlich keine wirkliche Hilfe. Aber das wusste ich alles vorher und bin zum Glück auch so aufgewachsen, dass quasi alles an der Mama hängt. Da war ich als Älteste ganz gut vorbereitet. Anders wäre trotzdem schöner, aber die Räuber sind alles wert 🙂

      Liebe Grüße,
      Maria von OstSeeRäuberBande

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