Meine traumhafte Hausgeburt

Es wird tatsächlich immer seltener und auch immer weniger. Die, die es machen sind davon überzeugt und gut informiert. Die Voraussetzungen sind jetzt sehr streng, um zuhause entbinden zu dürfen. Und überhaupt, warum auch zu Hause entbinden, wenn man in eine Klinik gehen kann. Den Dreck muss man hinterher wenigstens nicht aufräumen.

So oder ähnlich sind Gedanken von Frauen, die sich mit dem Thema Geburtsort beschäftigen. Es gibt Rund um die Thematik Hausgeburt auch ein paar Mythen, die nicht stimmen. Ich möchte dir gerne Einblicke ermöglichen, wie unsere Hausgeburt ablief. So viel vorab verraten: im Vergleich zu meiner Klinikgeburt war es für mich ein Traum. Wobei man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen kann. Nur nebenbei bemerkt. Es lag zum größten Teil auch einfach daran, dass ich wusste was mir wichtig war und ich meinem Körper Vertrauen schenken konnte. Bei der ersten Geburt habe ich „mit mir passieren lassen“ und hier habe ich mich bewusst darauf vorbereitet und wusste was ich NICHT wollte.

Nach langem Suchen nach einer, noch im Umkreis tätigen Hebammen, sind wir auf unsere Andrea gestoßen. Wir haben sie das erste Mal zu einem Kennenlern-Gespräch getroffen, da war ich bereits im sechsten Monat schwanger. Wir haben als Paar „vom Bauch“ heraus entschieden, dass wir es uns auch vorstellen konnten, zuhause zu entbinden. Schließlich haben wir es schon einmal erlebt. Ich wusste, dass mein Körper es schaffen würde und ich noch dazu viel Vertrauen in die Natur habe. Das erste Treffen war sehr schön und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Das ist auch wirklich ein entscheidender Punkt, dass die Chemie stimmt.

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Von da an bin ich auch nicht mehr zum Frauenarzt zur Vorsorge gegangen. Andrea kam zu mir nach Hause und hat dort sämtliche Tätigkeiten übernommen. Urinprobe im Badezimmer, Blutabnahme in der Küche und Abtasten vom Baby im Wohnzimmer auf der Couch. Noch ein bisschen quatschen und schon war ein Vorsorge-Termin DELUXE vorbei. Für mich war es „Deluxe“, da ich nicht mit dem Auto wo hin fahren musste und die Vorsorge so entspannt ablief. Es war auch von Termin zu Termin vertrauter und dann wurde Andrea quasi ein Familienmitglied.

Zirka vier Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin hat Andrea ihr ganzes Equipment im Wohnzimmer deponiert. Das waren einige Köfferchen und Taschen. Unter anderem auch Sauerstoff, sollte das Kind ihn benötigen oder sogar Medikamente und Infusionen. Alles, was wir nicht vorhatten zu gebrauchen, es aber wichtig war, dass es wie in der Klinik für den Notfall bereit steht.  Übrigens kommen laut einer Statistik nur ca. 2% der Kinder ZUM genauen Termin zur Welt.  

Benny und ich hatten vorab einen Hypnobirthing-Kurs besucht und über die Kursleiterin einen Geburtspool ausgeliehen. Der Kurs ist im übrigen auch sehr zu empfehlen. Nicht unbedingt um „schmerzfrei“ durch die Geburt zu gehen, sondern sich mit der Atmung, seinem Körper und seinem Körpergefühl auseinander zusetzen. Mir hat der Kurs gut gefallen. Es war für mich sehr entspannend, diese Übungs-CDs regelmäßig beim Einschlafen zu hören.

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Der Pool stand also bereit und aufgeblasen im Wohnzimmer. Für die Couch hatte ich wasserfeste Bezüge hergerichtet. Und dann haben wir gewartet. Wie jedes Paar haben wir auf unser Bauchwunder gewartet.

Unser Arno hat sich den Tag ausgesucht, wo ich eigentlich auf die Beerdigung meines sehr guten Kindergarten-Freundes gehen wollte. Dieser hatte sich ca. 1 1/2 Wochen vorher das Leben genommen. So stand ich also in der Dusche, mit den Gedanken schon bei der Trauerfeier, als ich die Regelmäßigkeit des Bauchziehens bemerkte. Die ersten „Wehen“ hatte ich an dem Tag schon morgens um fünf, jedoch so, dass ich nochmal einschlafen konnte.

In der Dusche war ich dann um halb acht, um dann fest zu stellen, dass ich wohl nicht auf die Beerdigung gehen konnte. Mina hatte Fieber bekommen und so habe ich in der Kita angerufen und sie krank gemeldet. Am Telefon merkte ich schon, dass ich die Wellen (so werden sie im Kurs genannt) veratmen musste.

Benny war schon etwas um mich herum geschlichen und meinte ganz süß, ob wir nicht schon mal Andrea anrufen sollten. Gesagt, getan. Eine Stunde später war unsere Hebamme da um mich einmalig zu untersuchen. Sie hat mich abgetastet und den Muttermund untersucht, was ich auch gewünscht hatte, weil ich immer noch mit den Gedanken bei der Beerdigung war, und diese Untersuchung gebraucht habe. Damit sie mir sagen konnte, ob die Geburt nun wirklich los gehen würde. Wir waren im Geburtsprozess.

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Damit sich Arno richtig „entwickeln“ konnte, sollte ich es mir auf der Couch gemütlich machen. Andrea hat mir eine Wärmflasche in den Rücken gepackt und mich auf die linke Seite legen lassen. Nach Rücksprache ist sie noch einmal nach Hause gefahren und wir sollten uns noch einmal bei ihr melden, wenn ich das Bedürfnis dazu hatte.

Die „Wehenzeit“ war wirklich entspannt für mich. Ich lag auf dem vorbereiteten Sofa und hatte Mina bei mir. Sie wollte ein Buch vorgelesen bekommen, wo ich immer wieder Verschnauf-Pausen einlegen musste. Benny war damit beschäftigt, den Pool langsam mit Wasser zu befüllen. Scheiterte jedoch am Schlauchsystem. Das war wohl das lustigste, was wir in der Geburtszeit erlebt hatten. Ich hörte ihn im Bad fluchen und schimpfen und fragte nach was nicht stimmte, er meinte, dass das Ventil nicht passen würde. Mina schaute nach ihm und in dem Moment ist der Schlauch von dem Wasserhahn abgeplatzt. Das Bad stand unter Wasser und Benny hat nur noch geschimpft. Ich fand es noch ganz amüsant und meinte, ich würde ihm zur Hand gehen, aber vorher sollten wir Andrea anrufen.

Zwanzig Minuten später war Andrea in der Türe, ich saß auf der Toilette, Benny im Bad neben mir mit dem Schlauch immer noch experimentierend. Und dann wieder, mit so einem heftigen Druck ist der Schlauch vom Ventil gesprungen, dass nicht nur das Bad sondern auch wir klatsch nass waren. Wir haben uns kaputt gelacht, nur Benny war leider sehr gestresst. Er wollte schließlich den Pool für mich füllen. Andrea hat dann auch noch einmal darauf geguckt und so haben sie ihn doch noch anschließen können.

Endlich floss warmes Wasser in den hergerichteten Pool. Es waren ungefähr 20-30 cm darin, als ich schon davor stand und unbedingt in das Wasser steigen wollte. Mit meinen Hüften hatte ich bereits gekreist und mich mit den Armen am Beckenrand abgestützt.

Meine Eltern kamen wie besprochen nach der Beerdigung um Mina abzuholen.

Ich bin dann kurz entschlossen in den nicht einmal halb vollen Pool gestiegen, um nach nur gefühlt drei Sekunden wieder raus zu gehen. Es fühlte sich nicht gut und bequem an. Es passte mir überhaupt nicht. Und das obwohl ich mir sehr eine Wassergeburt gewünscht hatte. In diesem Moment ging es aber garnicht.

Also ab auf die Couch, kniend, mit meinem Armen an der Lehne stützend. Benny war nun neben mir und es wurde ruhig. Andrea hatte die Fenster noch ein wenig abgedunkelt. Ich merkte intensiv wie das Baby in mir nach außen schob. Es war ein sehr starker Druck, jedoch kein Schmerz. Durch die Atmung hatte ich das Gefühl meinen Körper in seiner Kraft zu unterstützen. Was Andrea gemacht hatte, weiß ich garnicht mehr, Benny erzählte mir hinterher, dass sie immer mal wieder mit einem Doppler (Ultraschall) die Herztöne vom Baby überprüft hatte. Ich merkte noch, dass ich von der körperlichen Anstrengung schwitze und meine Beinen zum einschlafen drohten, was unangenehm war. So bewegte ich also meine Füße noch ein wenig um dann wieder völlig in die Atmung abzutauchen. Ich merkte den Kopf drücken, ein sehr starker Druck. Dann platze die Fruchtblase. Danach war der Druck weniger und auch besser zum Aushalten.

Ich merkte die Geburt des Kopfes und eine Wehe darauf war er da. Das winzige Menschlein lag zwischen meinen Füßen und ich konnte es kaum fassen. Schon wieder. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Ich guckte gleich zwischen seine Füßchen, was es denn für ein Geschlecht ist und lachte laut. Ein Junge. Arno soll er heißen. Ich habe ihn direkt auf meine Brust genommen und versucht ihn zu stillen. Das erste Trinken und die Bondingzeit. Ich werde diese intensiven und innigen Momente nicht vergessen.

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Die U1 wurde neben mir auf einem Handtuch gemacht. Danach ging der kleine Mann zu seinem Papa auf die Brust. Die Plazenta haben wir ca. 40 Minuten später auf der Toilette geboren und ich bin direkt in die Duschen gestiegen.

Andrea hat in der Zwischenzeit aufgeräumt und hat insgesamt so gearbeitet, dass ich kein einziges Mal das Gefühl hatte, es wäre schmutzig oder eklig. Viele haben, so glaube ich, Angst vor diesen Dingen, weil sie in der Klinik weg gemacht werden. Zuhause aber auch.

Nach dem Duschen bin ich zurück auf die saubere Couch und habe das Kuscheln genossen. Mina kam dann mit meinem Eltern dazu und wir haben die Ankunft unseres neuen Familienmitgliedes genossen.

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Eine Geburt verändert uns Frauen. Ich glaube auch, das jede Schwangerschaft und Geburt etwas anderes verändert. Ich bin mit jeder Geburt definitiv reifer und erwachsener geworden. Ich bin zudem erstaunt, was ein weiblicher Körper leisten kann.

Um einen schönen Schluss für diesen Eintrag zu formulieren, möchte ich gerne Lara Horlacher zitieren und auf ihren Geburtsbericht verweisen, der mich sehr berührt hat.

„Jede Frau hat das Recht, ihren Geburtsort frei zu wählen. Für gesunde Frauen mit gesunden Kindern und einer unauffälligen Schwangerschaft gibt es keine höhere Mortalitätsrate als bei Klinikgeburten.

Am wichtigsten finde ich es, Körpergefühl und Selbstbestimmtheit der Frauen und ihrer Kinder unter der Geburt zu stärken, ihre Eigenständigkeit zu geburtshilflichen Entscheidungen und einen natürlichen, ungestörten Geburtsverlauf zu fördern und somit traumatische Geburtserlebnisse zu vermeiden.“ 

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