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Klinikgeburt mit Happy End, oder?

Morgens um vier Uhr habe ich Benny geweckt. Eigentlich war ich die ganze Nacht wach und habe mein Buch auf dem iPad gelesen. Die Uhr auf dem Display hat mir angezeigt, dass die Wehen wohl regelmäßig alle fünf Minuten kommen und es so langsam Zeit wird, in die Klinik zu fahren.

Die Geburt von Mina, unserem ersten Kind, war eine geplante Klinikgeburt. Für mich gab es damals auch keine Alternative. Es fühlte sich für mich wie ein „Heimspiel“ an, denn ich habe dort über acht Jahre gearbeitet. Einige Hebammen kannte ich schon von den Zusammenarbeiten im Kreißsaal. Zudem waren mir die Räumlichkeiten sehr bekannt und heimelig.

Im Oktober ist es vier Jahre her, dass auch ich „neu geboren“ wurden. Denn mit der Geburt von Mina fing eine Reise an. Aber nun zurück zu der Nacht, als sie sich auf den Weg zu uns gemacht hat. Um kurz nach 6.00 Uhr sind wir in der Klinik angekommen. Benny musste vorher noch Duschen und wusste vor Aufregung nicht, welche Schuhe er anziehen sollte. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. 😉 Die Autofahrt war eher anstrengend, weil die angeschnallte Sitzposition nicht bequem war.
Im Krankenhaus wurden gleich ein CTG (=Kardiotokografie – engl. Cardiotocography) geschrieben – der Muttermund untersucht – und dann entschieden, dass wir in den Kreißsaal dürfen. Die Geburt hat angefangen.
Meine Gefühle zu dem Zeitpunkt waren positive Aufregung und gespannt sein, was auf mich zu kommen wird.
Im Kreißsaal, habe ich routinemäßig eine Infusionsnadel gelegt bekommen. Leider einmal daneben punktiert, ich hätte nicht erwähnen sollen, dass ich eine „Kollegin“ bin und im Haus arbeite 🙂

Ich kenne das selber auch, wenn man besonders gut punktieren will, weil man denjenigen kennt, geht es manchmal daneben.
Ein dauerhaftes CTG wird geschrieben und festgestellt, dass wohl mein Muttermund zu fest ist und deswegen die Herztöne von Mina etwas tiefer gehen, als sie tolerieren wollen. Deswegen bekomme ich Buscupan (krampflösendes Mittel) venös verabreicht und darf dann in die Badewanne. Das haben sie mir vorgeschlagen und ich dankend angenommen.

Mit 3 cm geöffnetem Muttermund darf ich in ein sehr angenehm warmes Wasser steigen. Das Ambiente haben sie liebevoll mit Kerzen hergerichtet und obwohl es schon ca. 9.00 Uhr ist, für Dämmerung gesorgt.
Über eine Stunde bleibe ich in dem warmen Wasser und wir füllen sogar noch einmal heißes Wasser nach.
Benny durfte in der Zwischenzeit mich als Patientin anmelden, damit eine Akte gemacht werden kann. Während ich im Wasser entspannen durfte, haben die Hebammen ihn zum Frühstücken geschickt. Essen konnte er aber kaum was, weil er so nervös war.

Um ca. 10.00 Uhr bin ich dann aus der Wanne raus und wollte vom Gefühl am liebsten stehen bleiben und die Wehen veratmen. Nach einem letzten Toilettengang sollte ich mich kurz auf das Kreißsaalbett legen, damit sie noch einmal den Muttermund tasten kann. Kurz vorher hat sich der diensthabende Arzt bei mir vorgestellt – es war ein Sonntag.

Die Hebamme sagte mir, dass es nicht mehr lange dauert und der Muttermund fast komplett geöffnet sei. Sie zieht hektisch die Handschuhe an und lässt den Arzt zurückrufen, denn sie kurz vorher noch weggeschickt hatte. Ich fühlte mich leider auf dem Rücken überhaupt nicht wohl und es tat in dieser Lage sehr weh – ich konnte aber auch nicht entscheiden und fragen, ob ich die Position wechseln hätte dürfen. Ich habe es ab diesem Zeitpunkt leider einfach passieren lassen.
Mir wurde gesagt ich solle schieben und das tat ich auch. Ich habe dann leider das typische Geräusch gehört, welches ich schon kannte – ein Dammschnitt. Gespürt hatte ich ihn nicht, nur gehört. Okay- dachte ich mir – jetzt ist es schon geschehen und ich muss weiterschieben. Glücklich darüber war ich nicht.

Plötzlich tut sich nichts mehr. Den Befehl bei der nächsten Wehe noch einmal kräftig mit zu schieben kann ich nicht erfüllen, denn es kommt keine Wehe mehr. Der Kopf ist schon geboren, aber keine Wehe mehr im anrollen. Sofort nehmen die Hebamme und der Arzt meine beiden Beine und heben sie beide zwei mal hoch und wieder runter und schon liegt der Arzt mit seinem Ellenbogen auf meinem Bauch. Mir wird erklärt, dass er von außen meine Gebärmutter reizt damit wieder eine Wehe kommt. AUTSCH! Diese Drücken, was man medizinisch kristellern nennt, tat viel viel mehr weh, als die Wehen selbst. Mit einem letzten Rutsch war sie dann endlich da! 10.40 Uhr, ein gesundes Mädchen. 50 cm 3160 Gramm.

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Die Schlussphase wollte ich alleine durchstehen und hatte Benny raus geschickt. Ich wusste nicht wie laut ich sein werde oder ob mir etwas peinlich wäre oder aber, um Benny nicht zu viel „zu zu muten“. Man hört schließlich von den gruseligsten Geschichten, dass der Ehemann nach einer traumatischen Geburt kein sexuelles Verlangen mehr haben könnte usw. Wir hatten vorher beide wenig Vorstellung davon, wie wir uns in der Geburtssituation fühlen werden. Deswegen haben wir uns diese Option offen gehalten, dann zu entscheiden. Rückblickend war es für Benny wohl schlimmer vor der Tür zu warten und die Geräusche zu hören, als auch die visuelle Wahrnehmung dazu zu haben. Die 40 Minuten kamen ihm auch vor wie Stunden. Er meinte hinterher auch, dass es schrecklich für ihn war und er sich Sorgen gemacht hat.

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Mina lag nun neben mir und ich rief Benny zu mir. „Er darf jetzt rein, holt ihn bitte jemand, er darf rein!“ Benny kam rein und es war sehr rührend. Mina wurde direkt abgenabelt (Benny hatte die Nabelschnur durchtrennt) und dann wurde mir unsere kleine Mina endlich auf den Bauch gelegt. Intuitiv habe ich sie direkt an meinen Busen gelegt.
Mein Körper hat gezittert und er konnte nicht aufhören. Mir war kalt oder doch wieder warm. Die nette Hebamme erklärte mir, dass es von der Erschöpfung kam.

Nach einem Dammschnitt muss leider genäht werde. Das war wohl der schlimmste Part. Mein Körpergefühl war so überreizt, dass ich bei jeder leichten Berührung an die Decke springen wollte. Obwohl es örtlich betäubt wurde, war es natürlich nicht schön, während der Bondingsphase 30 min. mit OP-Licht genäht zu werden.

Bis auf den Schluss, war es gerade im Vergleich zu anderen eine traumhafte Geburt. Ich hatte schließlich keine Saugglocke, keinen großen Blutverlust und Mina hat sich super angepasst und hatte keinen Sauerstoffbedarf.

Es ist nun fast vier Jahre her und es fühlt sich aber nicht mehr so gut an, als ich es damals gedacht hatte. Im Vergleich zu Arno war es leider keine schöne Geburt.
Aber sie ist ja gesund und ich auch. Diesen Standardsatz werde ich wohl immer hassen! Dies sagt man so oft zu Frauen, welche eine wirklich wirklich schreckliche Geburt erlebt hatte. Und dies ist nicht unbedingt der Notkaiserschnitt. Oft bedeutet eine schreckliche Geburt für die Frau schon die Intervention an sich. Bei der Einen ist es schlimm einen Dammschnitt zu bekommen und die Andere hatte alle Interventionen, angefangen von PDA über Kopfpunktion vom Kind oder einen Notkaiserschnitt ohne Bonding.

Egal wie die Frau geboren hat, es ist immer ernst zu nehmen und die Gefühle zu zu lassen. Es ist leider nicht so, dass einen dieser Satz „ Aber ihr beide seit ja gesund“ das alles gut macht, was man sich vielleicht gewünscht hat.

Arnos Geburt war hingegen eine sehr schöne, selbstbestimmte Hausgeburt, worüber ich gerne noch einen separaten Artikel schreiben möchte.

Alles Liebe und ein schönes Pfingstwochenende,
Eure Jasmin

    1. Hallo Samantha! Das ist von Anne Geddes – Meine ersten fünf Jahre (Der Zauber des Lebens) 🙂

  1. […] dass ich wusste was mir wichtig war und ich meinem Körper Vertrauen schenken konnte. Bei der erste Geburt habe ich „mit mir passieren lassen“ und hier habe ich mich bewusst darauf vorbereitet […]

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  2. Dankeschön, dass auch mal so geredet wird und nicht nur der Standardsatz. Ich habe 1 schnelle und trotzdem nicht soooo schöne Geburt, 1 Traumgeburt im Gebärhocker und einen Horror-Notkaiserschnitt nach stundenlanger Einleitung gehabt und das Einzige was ich immer höre ist: „Ihr seid gesund, das zählt doch – sei froh, dass die Medizin heut so weit ist.“
    Klar bin ich das und trotzdem war es ein traumatisches Erlebnis und selbst 2 Jahre danach schmerzt der Gedanke

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    1. Liebe Sandra, Danke für deine persönliche Erfahrung, und das du es mit mir teilst. Durch meine Elternbegleitung weiß ich von wirklich vielen Frauen, die nicht glücklich über ihre Art der Entbindung sind. Und ich bin der Meinung, dass auch darüber gesprochen werden soll und darf. Es gibt medizinische Notwendigkeiten, von denen will ich nicht ablenken. Es geht mir dabei eher um die jeweilige Verarbeitung des Geburtsgeschehens. Ich wünsche euch alles Liebe

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