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Keine gute Mutter im Modell 24/7

Eine Kundin meinte letztens zu mir, sie weiß nicht wie ich das alles schaffe. Ich fragte sie, was sie meinen würde. Sie empfand mich als liebvoll und so geduldig mit den Kinder. Nebenbei noch zu Arbeiten und den Haushalt unter einen Hut zu bekommen. Wie ich das leisten könnte. Hier die Antwort: ich kann es nicht.

Ich habe leider keine Superkräfte, an manchen Tage klappt alles wunderbar und an manchen sieht es wie folgt aus:

Schon morgens weint Mina fürchterlich nach ihrem Papa und ich kann sie kaum beruhigen. Sie hat hunger, jedoch ist das Müsli nicht recht. Zuerst mit Reismilch, dann ohne. Dann möchte sie doch lieber Trauben und einen Apfel. Zuerst einen Tee, dann doch lieber Apfelsaft – zum Schluss lieber Wasser.

Beim Anziehen setzt es sich ihr Unmut fort, die Unterhose zwickt, die Socken stören und überhaupt – sie würde sich lieber nicht anziehen. Mit viel Mühe und Geduld ziehen wir alles an, wieder aus, und nochmal an.

Wir drei endlich angezogen, möchte ich die Küche kurz aufräumen, Wäsche schnell aufhängen und das Mittagessen vorbereiten. Ich höre – bestimmt im Minutentakt – MAMA…., MAMA…, MAMA…. Egal ob sie wirklich etwas braucht, oder aber möchte, dass ich ihr bei etwas zusehe. Oder aber einfach mal so, damit es nicht still wird.

Wer kennt das noch? An solchen Tagen macht mich dieses „Mama“-Rufen wahnsinnig. Wie wenn meine Ohren, meine Nerven überstimuliert sind und ich beim übernächsten „Mama-Reiz“ ausflippen muss, weil ich es nicht mehr hören kann.

Der ganze Vormittag besteht also an diesem Tag darin, Mina irgendwie zu befriedigen und dazu auch noch Arno gerecht zu werden. Der hat natürlich auch seinen eigenen Kopf und möchte immer dann stillen, wenn ich Mina gerade trösten muss. Wenn sie weint, weint er automatisch aus Solidarität mit. Ihr erinnert euch an meine Ohr-Nerven, die Überstimulation wird beim Tandem-Schreien völlig ausgereizt.

Meine allgemeinen Nerven/Geduld sind nach diesem Morgen ziemlich verschwunden, ich kann sie nicht mehr finden. Wir befinden uns irgendwie in einer Stimmungs-Abwärtsspiral. Auch wenn ich mir noch so sehr Mühe geben, schaffe ich es heute nicht, uns alle gut zu regulieren.

Ich bin jetzt zusätzlich am schimpfen.

Das Wasser wird beim Trinken verschüttet, meine Handyhülle kaputt gebissen und unsere Besuch wird durch wildes Rumrennen und Rumschreien abgeschreckt. Das Wetter ist an diesem Tag auch noch gegen uns. Wir gehen trotz Nieselregen raus, jedoch nach 30 Minuten möchten beide Kids nicht mehr und es schüttet zusätzlich wie in Strömen.

Wer unsere Kinder kennt, weiß, dass gerade das Anziehen nicht zu unseren Stärken zählt. Es war so wunderschön in Thailand. Arno schnell nen Body angezogen und er konnte raus, Mina hat sich selber ne kurze Hose und eine T-shirt geschnappt und fertig war sie. Doch hier, bei diesem Wetter muss es zusätzlich eine warme Jacke und unbedingt die Matschhose sein.

Nach so einem Tag fühle ich mich als Versagerin. Ich habe meine Job als Mutter schlecht gemacht. Denn ich habe viel geschimpft, ja auch laut geschimpft. Am Ende nur noch wegen Kleinigkeiten, weil ich leider die Waagschale nicht mehr auf Null setzen konnte, nach den ganzen „Missgeschicken“ die Mina sich tagsüber geleistet hatte. Auch wenn natürlich vieles unabsichtlich geschehen ist, nervt es mich an so einem Tag sehr.

Und Abends, wenn die Kinder endlich schlafen, bin ich auch noch einen schlechte Hausfrau, denn ich habe keinen Bock die Küche oder das Bad zu putzen. Ich möchte die Wäsche nicht mehr aufhängen oder neue in die Waschmaschine legen. Ich möchte eigentlich auch keine Kundenmails mehr beantworten oder die Buchhaltung machen. Aber als selbstständige Beraterin muss ich dies in der einzig Kinderfreienzeit machen. Das habe ich mir so ausgesucht.

Als schlechte Ehefrau fühle ich mich obendrein. Denn ich bin dann launisch und frustriert. Körperkontakt, kuscheln möchte ich oft nicht, denn Arno stillt immer noch viel und lange. Mina ist auch immer noch sehr Körperbezogen, und fordert mich tagsüber ein. So bin ich abends auch mal froh, meinen Körper nur für mich zu haben. An dieser Stelle bin ich froh, dass mein Mann verständnisvoll und rücksichtsvoll ist.

Alles in allem, ein Tag wie ich ihn nicht mehr erleben möchte.

Durch die Ausbildungen und vielen Fachbüchern weiß ich doch eigentlich, was Kinder brauchen und wie es harmonisch laufen kann. Welche Entwicklungsschritte wie ablaufen und was die Kinder warum machen. Doch leider geht das nicht im Alleingang. Desto länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir wieder einmal bewusst, wie wichtig ein Clan, eine Gemeinschaft ist.

Vertraute Personen, die den Kindern auch einmal Vorlesen können oder die Situation neutralisiert, wenn man selber den Wald vor Bäumen nicht mehr sieht. (danke Becci, du hast Recht, ich sollte mich entspannen ;-))

Ich bin froh nun in eine Richtung zu gehen, damit diese Tage nicht mehr all zu oft vorkommen werden. Wir suchen gezielt Kontakt zu Gleichgesinnten z.B. durch das Rockzipfel-Projekt. Ein Co-Working Projekt, wo ich im nächsten Blogeintrag eingehen möchte. Denn das Thema „Fremdbetreuung“ beschäftigt mich an solchen Tag wieder verstärkt.

Wären unsere Tage entspannter, wenn Mina in den Kindergarten gehen würde? Arno ein paar Stunden in die Krippe? Oder aber wäre die Lösung, wenn Benny noch mehr zuhause wäre und wir mehr „Familienzeit“ genießen könnten? Oder vielleicht doch ein Leben in Gemeinschaft? Die Antwort wird sich finden, dann bin ich mir ganz sicher. Für jede Familie gibt es eine passende Lösung.

Liebe Grüße,
Eure Jasmin

  1. Hallo Jasmin,
    Mir kommt der Spagat zwischen Fachwissen plus grundlegender persönlicher Einstellung (und Ansprüchen an sich selbst ) und dem Alltag sehr bekannt vor. Warum lässt sich manches am einem Tag locker umsetzen und am nächsten mag nix gelingen… Trotzdem is es immer spannend Sachen zu reflektieren und bei neuen Gelegenheitn umzusetzen..Mama sein kann echt ein riesen Lehrmeister sein. Und lernen kostet in dem Fall doch recht viel Geduld und auch viel Kritik und! Versöhnlichkeit von einem selbst.

    Antworten

    1. Die Versöhnung ist wichtig, danke für deinen Kommentar. Das reflektieren hilft mir, Fehler zu erkennen und sie dann hoffentlich nicht mehr genauso so zu machen. Julia Dibbern schreibt auf einem ihrer Werke: „Wenn du an deine Grenzen kommst, freu dich, dass du dich kennenlernst“ und das kann ich zu 100% unterschreiben, aber es ist an manchen Tage so anstrengend

  2. Liebe Jasmin,

    solche Tage erlebt wohl jede Mutter, egal wie viele Kinder sie hat oder wie alt diese sind. Ich denke, ganz wichtig ist es, sich selbst keine Vorwürfe zu machen. Wir sind Menschen und haben unsere Grenzen, die irgendwann einfach erreicht sind. Das ist so und wir können nichts tun, als dies zu akzeptieren. Uns deswegen fertig zu machen, belastet uns nur noch mehr und zieht uns tatsächlich in eine Abwärtsspirale. Schimpfen zeigt, vor allem uns selbst, an, dass wir an eine unserer Grenzen gestoßen sind. Und auch wenn es unschön ist, weil wir wissen, dass uns unsere Kinder ja nicht mit Absicht so „belasten“, so ist es doch besser, so zu zeigen, dass man einfach fertig ist. Besser, als wenn man irgendwann beleidigend oder verletzend dem Kind gegenüber wird, weil man sich die Belastung nicht eingestehen will und im Kind den Schuldigen sucht.

    Mir helfen meine Achtsamkeitsübungen oftmals, auch wenn sich manche Situationen dennoch nicht vermeiden lassen, da ich natürlich dennoch oft erst reagiere und dann reflektiere, so hilft es mir doch, dies zu akzeptieren und den nächsten Tag dennoch positiv begrüßen zu können.

    Antworten

    1. Danke für deinen Kommentar.
      Bei Angelika musste ich gerade an Julia Dibbern denken und habe diese zitiert. Bei deinem Kommentar passt es allerdings auch “ wenn du an deine Grenzen kommst, freu dich, dass du dich kennen lernst.“
      Das ist das, was mich dann eher verärgert, wenn ich zuerst reagiere und dann reflektiere. Aber das ist meist nur menschlich!
      Welche Achtsamkeitsübung machst du denn?

    2. Ja und manchmal stellt man dann fest, dass Grenzen doch recht dehnbar sind.

      Im Grunde sind es einfache Atemübungen mit denen ich mich auf den Moment fokussiere. Stillmomente bieten sich dabei z.B.an, vor allem, wenn man in einer ruhigen Umgebung stillen kann. Ich habe ja schon in der Schwangerschaft mit Achtsamkeitsmeditation begonnen (nachlesbar in meinem Blog) und finde meist eine Möglichkeit das in meinen Alltag einzubauen, momentan gern auch als Gehmeditation, wenn die kleine Dame nur in der Trage zur Ruhe kommt.

  3. Oh Jasmin, jetzt bin total gespannt auf deinen nächsten Blogeintrag. Das Thema bereitet mir nämlich gerade schlaflose Nächte ?

    Liebe Grüße
    Diana

    Antworten

    1. Liebe Diana, du hast meinen Blogeintrag über Fremdbetreuung schon gelesen. Mich würden deine Gedanken interessieren, wie ihr euch entscheidet.

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