Warum Kinder (k)einer Norm entsprechen

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, das wir alle Individuen sind? Eigentlich ja, oder? Wir reden ständig davon, dass sich jeder individuell entwickelt. Die Einen z.B. mögen Pizza und hatte als Lieblingsfach Mathe, die Anderen sind Pastafans und sprachbegabt. Warum erscheint es dann in der heutigen Welt so schwierig, unsere Kinder individuell aufwachsen zu sehen?

Eigentlich sollten alle Säuglinge nach der Geburt ohne große Mühe auf der Welt ankommen. Die Mutter sollte am besten direkt viel Milch produzieren, wenn sie stillen möchte. Die Säuglinge sollte durch den engen Geburtskanal bitte keine Verspannungen haben. Wenn möglich sollten alle mit ca. vier oder mit spätestens sechs Monaten ihre Beikost bekommen. Durchschlafen sollten sie sowieso am besten gleich von Beginn an. Und wenn sie es nicht schaffen, kann man es ihnen ja mit einem Schlaflernprogramm beibringen. Mit einem Jahr sollten die Säuglinge laufen können, aber bitte nicht das Krabbeln auslassen. Diese Schritte alle in einer Reihenfolge einhalten. Bloß nichts überspringen oder gar weglassen. Noch schlimmer wird es ab dem Kindergarten-Alter. Wie, das Kind braucht noch eine Windel? Was, es kann noch nicht mit der Schere schneiden?

Beim Kinderarzt werde die Daten erhoben und in sogenannte Perzentilen (Entwicklungskurve im U-Heft) eingetragen. Schon in der Schwangerschaft wird eigentlich alles notiert, um Normabweichungen feststellen zu können. Natürlich sind einige Faktoren wichtig, um ein gewisses Risiko abzuwägen, aber um diese Werte geht es mir nicht.

Warum ist es z.B. so wichtig, ob ein Kind bei der Geburt 4.500 g wiegt oder nur 2.900g? Es sollte auf die familiäre Statur Rücksicht genommen werden. Mina war z.B. schon immer eher in der „unteren“ Perzentile. Ja und nun? Ich hatte in mein Kinderuntersuchungsheft geschaut und ich hatte das fast identische Gewicht zu den gleichen Zeiten. Ist doch alles prima, aber eben nicht die „Norm“.

Wir sollten uns die Individualität unsere Kinder wieder mehr bewusst machen.

Einen wahren Fall möchte ich an dieser Stelle kurz schildern, der mich wirklich erschrocken hat. Es ist anscheinend tatsächlich „unlogisch“, wenn ein dreijähriger im Kindergarten seinen leergegessenen Joghurtbecher wegwirft, mit dem Löffel noch in der Hand. Und im zweiten Schritt zurück zum Platz geht und dann erst den Deckel wegwirft. Logisch wäre: Löffel hin legen und dann den Becher und Deckel gleichzeitig weg zu werfen. Halloooo? Wie toll ist das denn, dass der dreijährige seinen Becher selber entsorgt. Prima, er hilft mit. Ist doch wirklich völlig egal, ob nun mit Löffel in der Hand, selbst mit Löffel in dem Mund.

Um was es mir geht, ist schlicht weg klar zu stellen und noch einmal allen bewusst zu machen, dass wir alles Individuen sind. Und zwar schon im Mutterleib. Wir entwickeln uns nicht erst nach der Schule zu einem vollständigen Menschen. Nein. Das sind wir direkt. Klar, nach der Geburt müssen Säuglinge erst einmal viel lernen, aber das liegt ja zum Glück in unserer Natur.

Das einigste, was wir alle von Beginn an gleich haben sind GRUNDBEDÜRFNISSE. Nach Liebe, Nahrung und Schutz.

Nur um es noch einmal zu verdeutlichen. Jedes Kind hat ein anderes Geburtsgewicht. Jeder Säugling bekommt seinen ersten Zahn zu seiner passenden Zeit. Manche mit vier Monaten, manche erst mit neun Monaten, wie z.B. meine Beiden. Manche laufen schon sehr früh, die einen erst sehr spät. Eine zweijährige kann schon mit einer Schere schneiden, eine vierjährige traut sich noch nicht Radfahren. Ich sehe darin kein Problem.

Bitte habt alle Vertrauen auf die Natürlichkeit der Kinder und ihre Intuition. Sie werden alle etwas lernen wollen, und zwar im besten Fall was sie wirklich interessiert. Und dabei spielt es keine Rolle, wie man einen Joghurtbecher entsorgt oder ob man schon „logisch“ denken kann.

Denn, des einen Logik muss nicht der Logik des anderen entsprechen. Unsere Wahrnehmung ist so individuell wie auch unser Fingerabdruck.

Was wir Eltern unterstützend leisten können, dass aus unseren Kindern starke, selbstbewusste Individuen werden? Wir können ihnen ihre Grundbedürfnisse erfüllen. Am Anfang ist das Liebe, Nahrung und Schutz. Des weiteren sollten wir immer das Vorleben, was uns wichtig erscheint und welche Werte wir vermitteln wollen. Denn Kinder ahmen alles nach, wie man es ihnen vorlebt. Wenn ich Bitte und Danke sage, wird mein Kind auch Bitte und Danke sagen.

Wenn die Basis stabil ist und die Grundbedürfnisse gesichert sind und dabei kein Defizit entsteht, entwickeln sich Kinder genau ihrer Natur entsprechend. Und ich freue mich sehr, unseren Beiden dabei zu sehen zu dürfen. Welche Leidenschaften sie entwickeln werden und wie sie ihre Welt entdecken.

Wie ist das bei euch? Habt ihr auch manchmal das Gefühl Kinder sollten einer Norm entsprechen und funktionieren? Ich freue mich über eure Kommentare!

Liebe Grüße,
Eure Jasmin

  1. Hallo Jasmin,

    jetzt habe ich mich hier auch mal umgeschaut – was für ein schöner Blog!
    Ich habe zwar selbst keine Kinder, aber dieser Artikel ist bei mir trotzdem auf große Resonanz gestoßen. Denn was bei den Kleinen anfängt, zieht sich ja weiter durch das ganze Leben: haben wir nicht alle das Gefühl, wir wären nicht okay so wie wir sind, nur weil wir nicht in diese und jene Norm passen?
    Mir geht es jedenfalls häufiger mal so. Und ich bin davon überzeugt, dass viele erwachsene Menschen sich selbst besser akzeptieren und lieben könnten, wenn ihnen als Kind ganz natürlich erlaubt worden wäre, die Dinge einfach so zu machen, wie es ihnen in den Sinn gekommen ist.
    In diesem Sinne: für mehr Freiheit und intuitives Handeln bei Kindern 🙂

    Alles Liebe
    Johanna

    Antworten

    1. Liebe Johanna,
      Vielen Dank für deinen Besuch auf meinem Blog. Ich teile deine Gedanken und hoffe sehr, meinem Mann und mir gelingt es, den Kinder die Freiheit und die Sicherheit zu vermitteln, dass sie perfekt sind, wie sie sind und was sie tun. Damit sie im Erwachsenenalter gefestigt sind. Ganz liebe Grüße

  2. Liebe Jasmin,

    ich stimme Dir voll zu. Die „Gesellschaft“ – allen voran Großeltern und Kinderarzt – versuchte ebenfalls, uns zu verunsichern.

    Zum Beispiel empört man sich darüber, dass unser Kind noch nicht richtig sprechen könne bzw. gar nichts sagt. Nun ist es aber so, dass unsere Tochter Vorsicht im Umgang mit anderen Menschen walten lässt, bis sie ihren Gegenüber kennt und weiß: „Hier kann mir nichts passieren.“ Sie ist nämlich ein sehr redseeliger Mensch, äußerst feinfühlig und sensibel. Wenn Sie merkwürdige Fragen gestellt bekommt, wie: „Weißt Du, wer ich bin?“ oder „Kannst Du schon sprechen?“, obwohl unsere unsere Tochter genau weiss, wer der Fragesteller ist bzw. dass sie schon sehr lange sprechen kann, ist sie einfach still und schaut nur merkwürdig. 😉

    Wir haben uns auch einen Arzt gesucht (bewusst keinen Kinderarzt), der weiss, dass Kinder sich ganz unterschiedlich entwickeln. Wir sehen den Untersuchungen daher gelassen entgegen.

    Jedes Kind wird lernen zu sprechen, Dinge zu sortieren, sich allein anzuziehen oder mit der Schere zu schneiden. Wann im Kindesalter das sein wird, ist unserer Meinung nach absolut egal. Ich kenne keinen (normalen) Erwachsenen, der nicht sprechen oder mit einer Schere umgehen könnte.

    Aus Individualität erwachsen große Geister – ich bin daher auch bei unseren Kindern sehr zuversichtlich. 🙂

    Herzliche Grüße
    Patrick

    Antworten

    1. Lieber Patrick,
      vielen lieben Dank für den Einblick in euer Leben.
      Wirklich erschreckend, dass es einigen so ergeht. Ich bin begeistert, dass ihr eueren Kinder das Vertrauen schenkt.
      Wir fragen uns auf Grund eines Erlebnisses noch: Warum sollen Kinder fremden Menschen „die Hand“ schütteln zur Verabschiedung und Begrüßung. Unsere Kinder müssen dies nicht tun, nur weil es die Gesellschaft als „Anstand“ sieht.
      Liebe Grüße

    2. Hallo Patrick,

      ich finde, dass ist eine sehr gute Eigenschaft, die Deine Kleine da hat. Man muss sich als Kind nicht jedem um den Hals werfen. Und auch so doofe Fragen muss man als Kind nicht beantworten. Ich denke, Kinder können sehr gut einschätzen, wer es gut mit ihnen meint und wer nicht. Es ist etwas, was jeder Mensch beibehalten sollte, denn nicht jeder der lächelt, meint es auch ehrlich mit einem. Ich finde sehr gut, dass ihr euch da nicht verunsichern und stressen lasst.

      Jasmin, das mit dem Hand schütteln sehe ich genauso. Ich finde, das ist einfach eine Geste aus der Geschäftswelt, zwischen Geschäftspartnern. Wenn ich keinen Vertrag zu besiegeln habe, dann brauche ich auch keinen Handschlag. Ich bin mal in mich gegangen und hab festgestellt, ausser bei Vorstellungsgesprächen/Vertragsunterzeichnungen, hab ich noch nie jemandem die Hand geschüttelt. Find ich gut so und werde es auch für meine Maus so halten.

  3. Liebe Jasmin,

    dieser Thematik war ich in den letzten vier Monaten auch immer wieder ausgesetzt. Da hieß es, Elin hätte eine Gedeihstörung und eine Trinkschwäche, weil sie eben auch etwas unter der Perzentilkurve lag. Sie sollte deshalb sogar im Krankenhaus behandelt/ untersucht werden. Außerdem war von einer Entwicklungsverzögerung die Rede, weil sie nicht im richtigen Moment in der Bauchlage den Kopf lange genug hochgehalten hat. Dabei ist das doch immer nur eine Momentaufnahme. Was wenn das Kind in dem Moment einfach keine Lust dazu hat, müde ist oder mit was ganz anderem beschäftigt?
    In diesen Momenten spreche ich mir innerlich immer einen Satz vor, den ich von meiner Heilpraktikerin habe und der schon zu einer Art „Mantra“ für mich geworden ist. Ihre Schwiegermutter war Kinderkrankenschwester. Des öfteren kamen Eltern zu dieser und meinten sehr verunsichert, dass ihr Kind laut den Büchern schon dies und das können sollte/ müsste. Darauf gab sie immer die Antwort: „Da haben Sie jetzt nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Kind oder das Buch wegschmeißen!“ Ich finde, das trifft den Nagel auf den Kopf. Wie du schon geschrieben hast, sind wir alle Individuen, die sich nun mal nicht oder nur bedingt in irgendwelche Normen pressen lassen.
    Davon einmal ganz abgesehen, kann doch niemand alles gleich gut und gleich schnell. Ich hatte als Erzieherin in der Kinderkrippe ein Mädchen in meiner Gruppe, welches erst mit 22 Monaten (!) angefangen hat selbständig zu laufen. Dafür konnte sie aber schon mit knapp einem Jahr Sätze sprechen und hat Bitte und Danke richtig verwendet. Warum wird eigentlich der Fokus immer auf die Defizite gerichtet anstatt darauf, was das Kind schon alles kann? Dieses Mädchen ist mittlerweile vier Jahre alt und flitzt durch die Gegend, dass man kaum hinterher kommt. Wen interessiert es da jetzt noch, wann sie damit begonnen hat?
    Ich finde zudem die Grundhaltung in unserer Gesellschaft „Man müsste dies und jenes“ allgemein sehr anstrengend und irgendwie schlimm. Daher habe ich mir vor kurzem einen Becher gekauft mit der Aufschrift: „´nen Scheiß muss ich“. Dies ist zu einem weiteren „Mantra“ von mir geworden. Niemand MUSS etwas (außer auf´s Klo)! Und unsere Kinder schon gar nicht!

    Liebe Grüße
    Antje

    Antworten

    1. Das verstehe ich auch nicht. Warum wird immer nur geschaut, was ein Kind nicht kann oder hat (z.B. zu wenig Gewicht/Zunahme)? Als ob man nur daran sieht, ob sich ein Kind entwickelt. Und dann, was will man denn machen, wenn das Kind einfach nicht mehr Nahrung haben will? Zwingen? Besten Dank, ich weiss aus Erfahrung selbst, was das bringt: Nix, ausser ein schlechtes Körpergefühl und ein schlechtes Verhältnis zum Essen. Oder meine Madam. Isst vorzugsweise Gemüse, dicht gefolgt von Obst. Fette und Kohlenhydrate, also Kalorienbomben? Nur, wenn sie auch ordentlich gute Nährstoffe mitbringen ansonsten, nö. Ist das jetzt schlimm, dass das Kind von allein gesund isst? Muss ich ihm das, damit es das Perzentilengewicht hat, jetzt abtrainieren und dann später wieder mühevoll antrainieren? Grad Dein beschriebenes Problem von wegen „Gedeihstörung“ hatten wir auch. Ich bin nicht zum Kontrolltermin gegangen. Hätte wieder nur Stress und Diskussion gebracht. Nene, wir kontrollieren selbst, machen unsere eigene Statistik und der Rest kann uns mal gepflegt sonst wo. Wir kennen unser Kind wohl am besten (und auch wenn sie im Vergleich zu den Kurven sehr leicht ist, sie sieht bei weitem nicht unterernährt aus und benimmt sich auch nicht so).
      Genauso dieses „Mein Kind kann schon…“ Die Vergleicherei ist bei uns in der Familie ganz schlimm. Unsere kleine Nichte ist einen Monat jünger als unsere Madam und es geht immer nur kann dies schon und jenes und kann die Madam das denn auch schon? Schreeeecklich. Wir reagieren da schon nicht mehr drauf.

      Man kann es mit vielem wirklich nur so halten: „Nen Scheiss muss ich…“ oder mein Kind. Oder sonst irgendwer.

  4. Hör mir auf mit Perzentilenkurven. Meine Madam ist quietschfidel und Marke „Hält nur zum Schlafen still“ (und selbst da nicht immer), war schon zur Geburt sehr klein und zart und damit noch unter der untersten Kurve. Tja, doof das, damit kommen Ärzte nicht klar. Eine Gedeihstörung sollte sie haben, weil sie nicht genug zugenommen hat. Wie auch, wenn sie so aktiv und jeden Monat wächst wie doof? Kann halt nur eins „nachholen“ Gewicht oder Größe. Und sie wächst lieber. Ausserdem sieht sie alles andere als ausgehungert aus. Ja, ich habe sehr stark das Gefühl, dass Babies und Kinder nach irgendwelchen Normen wachsen und funktionieren sollen. Die Fixierung auf das Gewicht empfinde ich ohnehin sehr ungesund. So, wie viele Ärzte das abhandeln, braucht man sich eigentlich nicht wundern, dass bereits Kinder (Ess-)Störungen oder Depressionen entwickeln. Dauernd bekommen sie von allen möglichen Seiten zu hören, dass sie entweder zu schwer oder zu leicht, zu groß oder zu klein, zu flink oder zu langsam oder oder oder sind. Was mich auch stört ist dieses Abfragen von Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche angeblich „altersgerecht“ sind. Bei unsere Us bisher wurden die nicht mal getestet. Abfragen tun es natürlich die Großeltern und andere Eltern, Verwandte etc. Und es nervt unglaublich, dieses „Aber X kann jschon das und das und macht Deine das auch?“ Nö. Warum auch. Sie hat ihre eigenen Lösungen gefunden, um das zu erreichen, was sie will. DAS sollte beachtet werden und nicht, was irgendwer meint, was ein Kind können sollte. Jedes Kind entwickelt sich in seinem Tempo, wächst und lernt in seinem Tempo.

    Antworten

    1. Liebe Ilania,
      vielen Dank für deine Schilderung. Ich bin ganz bei dir. Jedes Kind soll sich entwickeln dürfen, wie es möchte. Ich bin, genauso wie du, auch davon überzeugt, dass durch die Fremdeinwirkung Selbstzweifel und (Ess-)Störungen sowie Depressionen auftreten können.
      Im diesem Sinne – Freiheit für unsere Kinder <3
      Euch alles Liebe

    2. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es so ist. Es hat sehr sehr lange gedauert, bis ich ein gutes Gefühl für meinen Körper entwickelt habe und ihn so gut finde, wie er ist, auch wenn die Medizin mich dann entsprechend vorverurteilt und viele Maßnahmen gar nicht ergreifen will (und dann feststellt „Mist, liegt ja gar nicht am Gewicht.“). Deswegen ist es mir umso wichtiger, dass meine Tochter von Anfang an ein gutes Verhältnis zur Ernährung und zu ihrem Körper entwickeln kann. Sie isst, was sie essen mag und wenn das nur Obst und Gemüse ist, dann ist das halt so. Sie wird weiterhin gestillt wie sie möchte (und so lange sie möchte, für mich ist mit dem 1. Geburtstag sicher noch nicht Schluss) und getragen soviel sie und wir wollen. Ich möchte, dass mein Kind sich gut und in Sicherheit (nicht behütet) entwickeln und aufwachsen kann.

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