Der Weg des Mama seins

Als examinierte Gesundsheits- und Krankenpflegerin dachte ich, ich wüsste zu Beginn schon alles zum Thema Schwangerschaft, Geburt und Mama sein. Ich hatte ja wochenlang schon auf der Säuglingsstation gearbeitet, 100 Babys gewickelt, die Flasche gegeben und getragen (auf dem Arm^^).

Mit der Schwangerschaft ging es dann aber um mich und unser Baby und nicht mehr um die anderen Säuglinge. Ich war mir sicher in Bezug auf das richtige Handling mit dem Neugeborenen und hatte daher auch kein Bedarf gesehen einen Säuglingspflegekurs zu besuchen o. ä. Ich hatte ja schließlich in 3 Jahren Ausbildung alles gelernt. Doch dann kam es anders als erwartet.

Die Geburt fand quasi an meinem Arbeitsplatz statt. Vertraute Umgebung, bekannte Gesichter. Unser Start war gut. Stillen klappte auf Anhieb. Wir hatten ganz klassisch, wie die meisten jungen Eltern, ein Kinderbett, einen Kinderwagen und eine Kinderwiege. Doch das Schlafen darin war für Mina schon nach ca. 2 Wochen kein Thema mehr.

Sie forderte Körperkontakt, und zwar Tag und Nacht, sowie am liebsten Rund um die Uhr stillen. 

Im ersten Moment war ich von der Intensität der Bedürfnisse der Kleinen total überfordert, hatte ich doch die traditionelle Vorstellung dass sie ca. alle 3 Stunden, was trinkt und den Rest des Tages selig schläft und gedeiht. Ich hatte sie nach dem Stillen in die Wiege gelegt, doch nach 10 min. war sie wieder hellwach. Weder Wäsche waschen, Putzen oder einfach mal Duschen waren möglich. So war ich also recht schnell auf der Suche nach einer Lösung. Für Mina und für mich. Ich hatte mir bereits in der Schwangerschaft auf dem Toolwood Festival in München ein Amazonas Tragetuch gekauft, ohne zu wissen, dass sich mit diesem Tuch unser Alltag komplett ändern würde.

Die ersten Trageversuche waren sehr überraschend. Sie schlief wirklich selig und brauchte drei Stunden nichts zu trinken.

Plötzlich hatten wir eine Art Rhythmus. Das Spazieren gehen mit dem Wagen stellte ich nach mehreren Versuchen wieder ein, nachdem ich sie mehrmals auf dem Arm nach Hause getragen hatte. Und so kam es dann, dass wir z. B. mit Mina als sie acht Wochen alt war mit dem Zug nach Berlin gereist sind – im Dezember ohne Kinderwagen oder Maxi Cosi. Einfach nur eingebunden im Tuch.

Mina war also von Anfang an ein sehr Körperkontaktforderndes-Kind – auch nachts. Der Babybalkon wurde schnell zu einer Ablage für Nützliches, denn Mina schlief einfach am besten in unserem Bett. Und das, obwohl ich meinem Bruder damals als er Vater wurde – zwei Jahre, bevor Mina kam – und seine Tochter bei sich schlafen lies, sagte, dass er sie nicht verwöhnen solle und er sie sonst nicht mehr aus dem Bett bekommt. Nach meiner eigenen Erfahrung habe ich mich bei ihm entschuldigt, ich konnte es als Nicht-Mama einfach nicht besser wissen.

Für mich war und ist Mina ein Schlüssel in meinem Leben, sie hat mich dort hingelenkt, wo ich heute stehe. Ich bin durch sie Trageberaterin geworden, weil ich damals verzweifelt jemanden gesucht habe. Mit Ihr durfte ich zu den Stoffwindeln kommen und wurde Stoffwindelberaterin.

Sie hat den Weg für ihren Bruder vorbereitet. Er kam Zuhause auf die Welt, war noch nie in einem Kinderwagen und wird windelfrei erzogen. Im Oktober habe ich eine Ausbildung zur Artgerecht Coachin gemacht, weil ich davon überzeugt bin, dass jede Familie und jedes Kind anders ist. Es gibt keine Knöpfe, die man bei einem Kind drücken kann, und Sie dann funktioniert, nur weil wir die Vorstellung davon haben, wie es wohl sein wird.

Familie Seelos im GartenVielen Dank an meine großartige Tochter. Du hast mir Deine Welt näher gebracht. Auch heute lerne ich noch jeden Tag von Dir. Danke auch an meinen Mann, der mich auf dem Weg eine gute Mutter zu werden, unterstützt und mir den Rücken frei hält.

Wie war es bei Euch? Habt ihr Euch dass „mama-sein“ auch anders vorgestellt? Oder aber wusstet ihr genau was auf Euch zu kommt? Würde mich über Euere Kommentare dazu sehr freuen.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Eure Jasmin

  1. Das kommr mir so bekannt vor! Und es tut gut zu lesen, dass es nicht nur uns so geht. Danke!

    Auch unsere Kleine lässt sich kaum ablegen, weder im Stubenwagen noch im Kinderwagen …. wusste vorher nicht das es so etwas gibt ?. Mit dem Tragetuch wurde vieles einfacher oder überhaupt wieder möglich. Und ans schlafen mit uns im Bett haben wir uns auch gewöhnt und genießen es oft.

    Aber die viele Nähe ist auch manchmal anstrengend, der Kampf mit dem Kindersitz beschwerlich – doch wir leben auf dem Land und ohne Auto geht es nicht ?. Und es wäre schon auch im Kinderwagen nicht schlecht, so bin ich der Packesel. Geht es dir auch so? Ich hoffe schon, das unsere Kleine (5 Wochen) sich irgenwann mit dem Kinderwagen und dem Kindersitz anfreundet. Aber das Tragen hören wir nicht mehr auf ?. Hast du hier Erfahrungen? Lg und Danke,

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    1. Liebe Simone, Danke für deinen Kommentar. Wir wohnen auch auf dem Land 🙂
      Mina wollte nie in den Kinderwagen, erst mit ca. 20 Monaten ging es gut, Auto fahren war bei ihr zu Beginn schrecklich und dann wurde es immer besser.
      Arno hingegen war noch nie in einem Kinderwagen (wir haben ihn verkauft) und ich vermisse ihn auch nicht. Wenn ich nun einkaufen fahre, also mit beiden Kids, nehme ich das Rad mit Anhänger. Wobei es oft vorkommt, dass ich schieben muss und Arno in der Trage habe. Für mich entschleundigt es den doch stressigen Alltag. Wir hatten zwei Autos, doch meines haben wir dieses Jahr verkauft. Unser Kleiner Mann hasst es förmlich. Wir hatte sogar einen anderen Kindersitz angeschafft, denn als ich das Café noch in Augsburg hatte, hieß es sechs Tage die Woche pendeln – mit schreiendem Kind. Der Laden war zu und das Auto wurde verkauft. Jetzt nutzen wir Rad, Bus und Bahn 🙂
      Jedes Kind ist anderst, manche mögen Auto fahren sehr, einige liebe es im Kinderwagen, doch meine beide sind Körperkontakt-Fans <3

  2. Das ist schön geschrieben 🙂 Kann ich absolut unterschreiben!

    Ich hatte zwei unschöne Umstände, die im Nachhinein für uns positiv waren. Erst hatte ich das „Glück“, in der Schwangerschaft viel zu liegen. Stricken und lesen war irgendwann doof und ich googelte alles und jeden. Irgendwann kam ich dann auf Seiten wie „Stillen und Tragen“ oder „Rabeneltern“ und da begann in mir sich schon einiges umzupolen 😀 Das erste Tragetuch bestellte ich da schon.

    Dann, nach der Geburt, war der Stillstart etwas unglücklich. Und da ich kein größeres Kind hatte, konnte ich nach dem ausgiebigen Stillen, einfach mit der eingeschlafenen Kleinen auf dem Arm sitzenbleiben und fing wieder an zu googlen um Antworten auf 1000 Fragen zu finden (eigentlich war es nur eine Einzige: Ist das normal??). Und da wurde wieder dank der richtigen Seiten es alles etwas fester im Kopf und bald darauf bauten wir das Gitterbettchen ab, ein weiteres Tuch (oder eher Ringsling) und eine Trage zogen ein und der Kinderwagen, der bis dahin eh ein Schattendasein fristete, kam in den Keller. Zack, ab da lief es viiiel entspannter. (Beide Kinder kannten den Kinderwagen eigentlich erst ab etwa 11-12 Monaten. )
    Auch das ganze Konzept des Attachment Parenting, das ja noch viel weiter geht als Stillen, Familienbett und Tragen entdeckten wir und fanden uns darin wieder.
    Für uns (!!) passt das so!
    Beim zweiten Kind war es im Großen und Ganzen noch viel leichter, weil wir sicherer waren und da warst du ja auch bei uns zur Trageberatung 🙂

    So hatten die unschönen Gegebenheiten doch noch was Gutes- auch wenn ich manchmal wünschte, dass der Weg dahin einfach schon leichter gewesen wäre. Junge, v.a. Erstmütter werden zu schnell unter Druck gesetzt und das müsste nicht sein. Die Kommentare wie „du verwöhnst es zu sehr“ oder „aller 3-4h Stillen muss reichen“ kennen ja die Meisten. Das ist so schade und die machen viel kaputt.

    ganz liebe Grüße
    Jule

    Antworten

    1. Liebe Jule, vielen Dank für deine ehrlichen und offenen Worte. Ich bin ganz deiner Meinung, und hoffe sehr durch Aufklärung das Wissen zu vermitteln und auch den Druck zu nehmen.
      Den jedes Kind, jede Mama, jeder Vater und die Beziehungen sind unterschiedlich. Es gibt kein Patentrezept für den einen richtigen Weg. <3

  3. Das kommt mir gerade so vertraut vor. Ich bin mittendrin und bin sooo froh zu hören, dass es anderen ebenso geht bzw. gegangen ist und ich nichts falsch mache. Als Erzieherin mit Schwerpunkt Krippe dachte ich auch, ich weiß schon alles und hatte eine konkrete Vorstellung, aber in Wirklichkeit ist alles sooo anders. Unsere Elin ist genauso, wie du deine Mina beschreibst. Aber sie haben ja so so recht, sich das einzufordern, was sie brauchen. Das Problem ist unser modernes Leben- so weit weg von unseren Wurzeln- und unsere Vorstellungen. Aber Kinder lassen sich da nun mal nicht einfach so hineinpressen und das ist auch gut so. Es ist allerdings sehr anstrengend alles in Einklang zu bringen und einen neuen Weg zu finden, der für alle passt.

    Antworten

    1. Liebe Antje, vielen Dank für deine offenen Worte. Es ist wahrlich nicht einfach und wirklich anstrengend. Aber ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass sich die Arbeit lohnen wird und wir selbstbewusste Kinder groß ziehen können.

  4. Was für eine schöne Liebeserklärung an deine Tochter!
    Das Mama-sein hab ich mir eigentlich gar nicht vorgestellt. Auf jeden Fall nicht SO. Mama-sein ist für mich vor allem deshalb schwierig, weil ich es ständig hinterfrage. Mache ich es richtig? Vor allem am Anfang war ich permanent verunsichert, leicht depressiv, von meinem Geburtserlebnis enttäuscht, labil und völlig erschöpft.
    Ich dachte auch, die Geburt sei das schwierigste, und habe mich die ganze Schwangerschaft auf nichts anderes konzentriert. Die Geburt war keinesfalls wie ich es mir gewünsch hatte: Eingeleitet mit PDA, meine Wunschebamme musste mittendrin weg. Und dann: Alfred musste gleich nach der Geburt auf Station, Unterzucker. Wir wurden nach nur einer Stunde getrennt. Ein Schock für mich. Ich finde es nach wie vor skandalös, dass Neugeborene von ihren Müttern getrennt werden, er brauchte einen Tropf und ein Wärmebett. Ich verstehe bis heute nicht warum er das nicht in unserem Familienzimmer bekommen konnte. Und ich hatte damals nicht die Kraft mich dagegen zu wehren. Man müsste sich viel mehr quer stellen…
    Zuhause hatte ich dann auch ein Kind dass nicht neben, sondern auf mir schlafen wollte und am liebsten 24 Stunden am Busen nuckeln und schrie wenn er das nicht bekam. Eigentlich klar. Er hatte 2 Tage alleine schlafen müssen, ich war ja nur zum Stillen da und habe in den Stunden dazwischen geschlafen, damit ich wieder die Kraft aufbringen konnte, mich durchs halbe Krankenhaus auf die Kinderstation zu schleppen und mich mit meinem Dammschnitt auf einen harten Holzstuhl zu zwingen um ihn wieder zu stillen. Sein Papa war zwar viel bei ihm. Aber man braucht doch einfach die Mama und Schmusen, wenn man schon aus dem schönen Fruchtwasser rausgeschmissen wurde. Das ist doch einfach das Mindeste.
    Für uns hat das Tragen auch alles verändert. Nach vielleicht 2 schlaflosen Wochen hat uns die Hebamme gezeigt, wie wir ihn ins Tuch nehmen können. So konnte und wollte anfangs vor allem mein Mann ihn viel tragen und ich durfte in der Zeit schlafen. Als ich fitter war habe ich ihn selbst viel getragen. Ich fand das unheimlich befreiend. Kind umbinden, Geldbeutel, Schlüssel und raus. Ein Indianer muss immer die Hände frei haben, hat Janosch mir beigebracht. Stimmt.

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    1. Liebe Johanna, ich hatte beim Lesen deiner persönlichen Geschichte Gänsehaut. Vielen dank fürs teilen und auch das Mut machen. Obwohl euer Start anderst war als erwartet, habt ihr wohl euren Weg gefunden.<3

  5. Toller Beitrag und das könnte wirklich unsere Geschichte sein.
    Während der Schwangerschaft habe ich mich nur auf mich konzentriert und dachte auch dass das Schwierigste die Geburt sei. Nun ja, Tim kam dann am 12. Tag nach 26 h Wehen zu Hause (geplant) auf die Welt und ich war erleichtert dass unser Wunschkind endlich da war. Aber was war dann? Jetzt war er da…und nun? Ich musste mit ihm ins Krankenhaus weil ich viel Blut verloren hatte. Ich war schwach und er hat viel geschrien, ich war sehr überfordert. Das Stillen klappte nicht auf Anhieb, ich wollte aber unbedingt stillen! Zuhause wieder angekommen hatte ich wieder meine liebe Hebamme wieder, die mich beim Stillen unterstützte, das hat dann also zum Glück geklappt. Nur war ich sehr verwundert warum Tim NUR an der Brust sein wollte, also den ganzen Tag! Er ließ sich nicht anders beruhigen. Also lag ich mit ihm im Bett tagelang und hab ihn gestillt. Die Geburt war für ihn anscheinend auch sehr anstrengend. Ich war damals aber ziemlich fertig, weil ich mir das so nicht vorgestellt hatte. Mein Leben, wie ich es bisher kannte, war plötzlich vorbei! Ich hab viel geweint, hatte wohl auch eine leichte postnatale Depression. Dann kam der Umzug als Tim 20 Tage alt war. Und dann ging es erst richtig los. Ablegen? Niemals! Im Kinderbett schlafen? Auf keinen Fall! Im Laufstall mit Mobile? Haha! Also gut, dachte ich mir, und suchte eine Trageberatung. Und fand dich! Nebenbei hab ich das Internet durchforstet, ob das „normal“ sei. Und ja, es ist normal. Es ist richtig. Tim hätte in der Steinzeit überlebt. Tim ist ein Kämpfer und fordert das ein, was er braucht! Natürlich wird man komisch angeschaut, wenn man sein Kind trägt aber ich genieße es mittlerweile und denke mir „ihr wisst gar nicht was ihr verpasst!“. Es ist so schön und so richtig den Bedürfnissen seines Babys nachzugehen. Danke Jasmin, dass ich nicht alleine bin. Das ist der einzig richtige Weg.

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    1. Liebe Melanie, du sind nicht allein 😉 Wir Mütter haben alle etwas gemeinsam, wir wollen nur das Beste für unsere Kinder. Und die Wege dorthin können unterschiedlich aussehen. Der Schlüssel ist, so denke ich, die Bedürfnisorientierung aller Beteiligten.

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